Verschiebung des 158. Historischen Rütlischiessen 2020 (Brief als PDF)

Mit grossem Bedauern müssen wir das 158. Rütlischiessen aufgrund der aktuellen Covid-19-Pandemie um ein Jahr verschieben.

Wir haben uns diesen Entscheid nicht leicht gemacht, aber mit Rücksicht auf die Würde, die Bedeutung und die Ausstrahlung des Anlasses war dies der richtige Entscheid. Ebenso schwer haben wir die Einschränkungen, welche die Schützen unter den geltenden Vorschriften hätten hinnehmen müssen, gewichtet. Der entscheidende Grund aber war und ist die Rücksicht auf die Gesundheit unserer Kameraden, welche höher zu werten ist, als jede Gedenkfeier und jedes Schützenfest.

Jahr für Jahr erinnern wir Rütlischützen, laut Artikel 1 unserer Statuten, mit einer vaterländischen Feier an den Rütlischwur der Männer von Uri, Schwyz und Unterwalden. Das Rütli war seit seiner mythischen Erwähnung als Ort des Bundesschwures immer ein Brennpunkt nationaler Sammlung, sei es nach verlorenen Kriegen im 18. Jahrhundert oder am Rütlirapport in den unsicheren Zeiten des zweiten Weltkrieges. Dieser Ort vermochte und vermag immer noch als Symbol der Zuflucht und der Einigung zu wirken. Dies ist in zahllosen Reden, nicht zuletzt in den vaterländischen Reden anlässlich der Rütlischiessen immer wieder, und in allen Variationen, betont worden. Neben den drei Eidgenossen wurden die Helden von Morgarten und Sempach genauso beschworen, wie die Leistungen der Aktivdienstgeneration, welche, je nach dem, mit Hellebarte oder Karabiner für die Schweiz eingestanden waren. Weniger oft, aber immerhin gelegentlich, wurden dabei auch die Frauen, Kinder und nicht wehrfähigen Arbeiter erwähnt, die indes daheim für das tägliche Brot sorgten.

Der Feind und die Bedrohung hatte in diesen Geschichten, ein Gesicht und die Waffen, um ihn zu bekämpfen waren real und fassbar.

Die aktuelle Bedrohung durch das Covid-19-Virus, welche das diesjährige Rütlischiessen verhindert, hat weder ein Gesicht, noch lässt es sich mit Spiess oder Sturmgewehr bekämpfen.

Unsere Waffen dagegen sind vielmehr, Gehorsam, Disziplin, Verzicht und Rücksichtnahme. Nicht ein Winkelried, der als einzelner für viele ein grosses Opfer erbringt, ist in diesen Tagen gefragt, vielmehr sind wir alle als einzelne gefordert, um kleine Opfer für den Nächsten zu bringen. Generationen von Rütlischützen und Rütlibesuchern sind bereit gewesen, mit den Waffen ihrer Zeit für die Gesundheit, Freiheit und Integrität der Gemeinschaft einzustehen. In Geiste dieser Tradition erachten wir es als bescheidenen Beitrag, auf das diesjährige Rütlischiessen zu verzichten.

Auf was wir aber keinesfalls verzichten wollen, ist das, was den Mittwoch vor Martini wahrhaft auszeichnet -- die Freundschaft nämlich. Die freundschaftliche Verbundenheit unter den Schützen der Schweiz, welche zur Versöhnung nach dem Sonderbundskrieg beitrug, begann auf dem Rütli und wirkt bis heute ungebrochen. Wir werden diese Freundschaft in Gesprächen, Briefen, Telefonaten und kleinen Besuchen pflegen, denn sie ist das wahre Vermächtnis des Rütlis und des Rütlischiessens.

Und so freue ich mich auf die vielen kleinen Zeichen der Zusammengehörigkeit unter dem Jahr und noch vielmehr auf ein grosses Wiedersehen am Mittwoch vor Martini, am 10. November 2021

Mit freundschaftlichen Grüssen

Wendel Odermatt Vorortspräsident 2020     
Heinz Weber, Präsident Rütli-Schiesskommission